Was bedeutet der Traum vom eigenen Unternehmen für den Traum von der eigenen Familie? Wir haben drei Gründer gefragt, wie der Startup-Alltag mit Kindern aussieht.

Baby on board (Bild: iStockphoto)Dass Startup-Gründerinnen und Gründer meist lange Tage schieben und nicht auf freie Wochenenden pochen können, ist bekannt.

Was heisst diese notorisch hohe Arbeitsbelastung aber für Pläne zur Familiengründung? Wir haben drei Jungunternehmer nach ihren Erfahrungen gefragt. Dabei zeigt sich schnell: Jeder Lebensentwurf ist individuell und allgemeingültige Rezepte gibt es nicht.

Peter Vogel (Gründer Jobzippers, the Entrepreneurs’ Ship) wurde im September 2011 Vater. Er und seine Partnerin (die momentan zu 60 Prozent arbeitet) teilen sich die Kinderbetreuung. Hier sieht Peter klare Vorteile gegenüber dem Angestelltendasein. Als Gründer lasse sich die Arbeitszeit flexibler planen, er könne so auch von Zuhause aus arbeiten und auf die Kleine aufpassen. Trotzdem steckt er kaum zurück, was die gesamte Arbeitszeit angeht: 13-Stunden-Tage seien keine Ausnahme.

Seine Tochter ist seit dem achten Lebensmonat drei Tage pro Woche in einer privaten Krippe des Parc Scientifique der ETH Lausanne, wo sowohl er als auch seine Partnerin tätig sind. Im Alltag versucht er die Regel «Familie, wenn zuhause» zu beherzigen. Allerdings hält er es sich offen, nach dem Ins-Bett-Bringen der Tochter um halb acht nochmals einige Stunden zu arbeiten.
Auf die Frage, was sich mit dem Vatersein in der Wahrnehmung des Jobs ändere, meint er: «Die Elternrolle hilft, Aufgaben anders zu priorisieren.» Man werde effizienter und kümmere sich nicht mehr um jedes Detail. Stattdessen frage er sich öfter «Bringt es mich weiter?» und stelle weniger wichtige Aufgaben zurück.

Jetzt oder später?

Und der richtige Zeitpunkt? «Besser früher als später», sagt der jetzt 28-jährige. Je jünger man sei, desto mehr Energie habe man, um die neuen Aufgaben auch zu stemmen. Hier ist Pascal Mathis von GetYourGuide anderer Meinung: Kinder zu bekommen, während ein Startup in der Gründungsphase ist, solle man besser vermeiden. Er empfiehlt, sein Unternehmen vorher in ruhigere Gewässer zu steuern.

Bei Pascal Zuhause ist es die Rollenverteilung, die das Nebeneinander von Familie und Startup möglich macht. Pascal und seine Frau Lilly haben zwei Kinder im Alter von eineinhalb Jahren und fünf Monaten. Seine Frau erlaube ihm, viel zu arbeiten, so der CFO. Sie kümmert sich um den Haushalt, arbeitet derzeit nicht beruflich und will ihren Wiedereinstieg in den Job später machen.

Auch wenn ihm seine Familie viel Energie gebe – die zusätzliche Verantwortung sei brutal und der Alltag tough, meint Pascal Mathis. Er arbeite im Schnitt 50 bis 60 Stunden pro Woche. Dass er «für zwei arbeiten» kann, liegt daran, dass seine Frau sein Engagement für das Startup völlig unterstütze. Wäre das nicht möglich gewesen, wäre er aus dem Startup ausgestiegen und hätte sich eine andere Stelle gesucht. Pascal ist denn nun auch zu 100 Prozent für GetYourGuide aktiv und sieht seine Kinder nur am Abend und am Wochenende. «Der Abend ist aber heilig», sagt er. Um dieser Regel treu zu bleiben, habe er Reisen und Businessdinner gegenüber früher auf ein Minimum reduziert.

Klare Ansagen gegenüber den Mitgründern

Nach dem Finden einer gemeinsamen Lösung zusammen mit der Partnerin sei ein wichtiger Punkt die offene Kommunikation mit dem eigenen Startup-Team gewesen. So habe Pascal die anfänglichen Sorgen seiner vier Mitgründer zerstreuen und klar machen müssen, dass er weiterhin gleich viel leiste. «Ein Startup kann es sich nicht leisten, jemanden mitziehen zu müssen.»

Beim Mobilitätsstartup cabtus ist das Durchschnittalter etwas höher und zwei der Gründer haben Kinder. Der Nachwuchs von Cabtus-CTO Stefan Kaspar ist im Alter von eins, vier und sieben Jahren.

Wie bei Pascal ist es auch hier eine konservative Rollenverteilung, die das 100-Prozent-Pensum im Startup möglich macht. Stefans Frau kümmert sich wochentags um die Kinder, was trotz Krippe und Schule ein Fulltime-Job ist. Im Gegenzug achtet er auf ein geregeltes Arbeitpensum – acht bis neun Stunden pro Tag, was bei cabtus meistens möglich sei. Der Familienzeit trägt er Rechnung, indem er früh zu arbeiten beginnt und sich früh auf den Heimweg macht. Am Wochenende geht er nicht ins Büro.

Sich selbst feste Arbeitszeiten zu setzen, habe den Vorteil, dass man fokussierter zugange sei. 13-Stunden-Tage würden keinen Produktivitätsgewinn bringen, meint der CTO, für den cabtus bereits das dritte Startup ist.

Was sagen Investoren?

Das Team eines Startups und seine Leistungsfähigkeit sind für viele Investoren zentral bei der Entscheidung sich zu beteiligen. Was bedeutet es da, als Elternteil aufzutreten? Alle drei Gründer waren schon mit Investorengesprächen konfrontiert und kommunizierten jeweils offen ihre Familiensituation. «Das ist ja auch etwas, worauf man stolz ist!», so Stefan Kaspar.

Bei den Gesprächen mit seinem Investor Martin Saidler (Centralway) traf Peter Vogel auf Verständnis. Er selbst bekam auch früh Kinder. Pascal Mathis machte ebenfalls positive Erfahrungen während der GetYourGuide-Finanzierungsrunde. Dabei machte er aber von Anfang an sein Commitment klar, auch weiterhin voll für das Startup engagiert zu sein.

Neue Lösungen finden

Was bedeutet es, Jungunternehmer zu sein? Der Alltag in einem Startup ist meist fordernder als in einem etablierten Unternehmen. Startups haben kaum Mittel, um ihr Personal durch zusätzliche Angestellte zu entlasten. Geschwindigkeit und ständiger Kampf gegen Deadlines gehören dazu. Und dass Firmengründerinnen und Gründer sich für ihr eigenes Venture ins Zeug legen statt für die Bilanz irgendeines Arbeitsgebers, spornt zu besonderem Einsatz an – ganz abgesehen davon, dass die Begeisterung für die Sache für besonderes Engagement sorgt.

Das ist verständlich und macht klar warum es schwierig ist, ein Startup und das andere grosse Abenteuer im Leben, das Kinderkriegen, unter einen Hut zu bekommen. Wenn man sich für’s Jungunternehmertum entscheidet, mutet man sich und seiner Familie oft mehr zu als mit vielen anderen Karrierentscheidungen – Gründerfamilien sind zwangsläufig Organisationskünstler.

Weil die Belastung sich gerade in den heissen Phasen eines Jungunternehmens nicht schönreden lässt, braucht es bessere Rahmenbedingungen von staatlicher Seite, die Eltern entlasten – wie sie auch in der sonstigen Arbeitswelt noch oft fehlen. Denn die Gefahr ist da, dass ein Startup-Traum sonst zulasten eines Ehepartners geht oder schlicht ein Traum bleibt.

Seid Ihr auch Gründer mit Kindern? Was sind Eure Erfahrungen?